Charakter des Menschen öffnet Tür zur Systemoptimierung

Coskun Akinalp verbindet in seiner FernUni-Promotion Informatik und Psychologie

Unsere besten Freunde kennen unseren Charakter. Sie können einschätzen, ob wir bei Entscheidungen – zum Beispiel beim Kauf von Aktien – eher risikobereit oder sicherheitsbewusst vorgehen und unser Verhalten oft voraussagen. Würde uns unser Computer genauso gut kennen, könnte er uns z. B. vorausschauend Angebote zu Waren, Dienstleistungen sowie Informationen generieren und uns auch andere Ressourcen effektiver zur Nutzung konfigurieren und anbieten. Dieser innovative Gedanke liegt der Dissertation von Dr. Coskun Akinalp, Lehrgebiet Kommunikationsnetze (Prof. Dr. Herwig Unger) der FernUniversität in Hagen, zugrunde. Beide Wissenschaftler sind der Meinung, dass Nutzer, Netzwerk und Content als Einheit betrachtet werden müssen, um Computernetzwerke optimal nutzbar zu machen.

Coskun Akinalp

In Akinalps Ansatz gehen Informatik und Psychologie eine neue intensive Verbindung ein, denn er hat sich mit der Vorhersage von Entscheidungen menschlicher Charaktere in kooperativen Systemen auf Basis der so genannten Limbischen Systeme beschäftigt.

Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Menschen ihre Entscheidungen zu rund zwei Dritteln aus emotionalen Gründen treffen. Unsere Emotionen entstehen im Limbischen System, einer Funktionseinheit im Gehirn. Das Limbische System ist Grundlage des Modells der limbischen Charaktere, die Hans-Georg Häusel auf Basis der drei Grundinstruktionen Balance (dem Streben nach Sicherheit), Stimulanz (dem Streben nach Veränderung) und Dominanz (dem Streben nach Macht) abgeleitet hat.

Häusel beschreibt acht limbische Haupttypen, die er aus der Kombination der drei limbischen Grundinstruktionen Balance, Stimulanz und Dominanz ermittelt: Phlegmatiker, Lebenskünstler, Technokrat, Unternehmer, der Ängstliche, der Beliebte, der Stress-Typ und der Exzentriker. Im Exzentriker vereinen sich z. B. sowohl das Streben nach Sicherheit, nach Veränderung und nach Macht, er gilt als kreativer Spezialist.

Anwendung finden die Limbischen Charaktere im Marketing, hier werden sie seit Jahren zur Kundensegmentierung und Produktentwicklung genutzt. „Häusels Modell ist nicht unumstritten und nicht erschöpfend, menschliche Charaktere lassen sich natürlich nicht so streng in acht Kategorien einteilen“, ist sich Akinalp bewusst. „Ich habe es verwendet, weil mir darüber die unkomplizierte Beschreibung und Modellierung von Spielercharakteren möglich war und es sich im Marketing bereits als praktikabel bewiesen hat.“

Modellierung limbischer Charaktere

Der 42-Jährige hat zunächst die emotionalen Eigenschaften der limbischen Charaktere untersucht. Auf Basis der Ergebnisse hat er dann Parameter und Strukturen zur Implementierung von Agenten mit limbischen Charaktereigenschaften abgeleitet und sie dann in unterschiedlichen Konstellationen als Gruppen über rund 1000 Runden das Minoritätenspiel „El-Farol-Bar“ simuliert spielen lassen.

Minoritätenspiele (nach Brian Arthur) sind einfache, in Informatik und Ökonomie oft genutzte Spiele, in denen Spielergruppen unabhängig voneinander und zeitgleich Entscheidungen treffen muss. Erfolg haben aber nur die Gruppen, die mit ihrer Entscheidung in der Minderheit sind. Am Beispiel der El-Farol-Bar: Die Bevölkerung eines Ortes geht einmal pro Woche in die Bar. Diese kann aber nur eine begrenzte Zahl an Gästen aufnehmen. Entscheiden sich 60 Prozent der Gemeinde für einen Besuch, ist die Bar überfüllt und der Aufenthalt macht keinen Spaß. Also haben die 40 Prozent gewonnen, die zu Hause geblieben sind. Sind nur 40 Prozent in der Bar, haben die zu Hause Gebliebenen verloren. Zunächst scheint ein solches Spiel recht zufällig zu sein. Akinalp vermutete, dass die Charaktere der Spieler, wie im Leben, Einfluss auf den Erfolg haben könnten.

Daher wurde im Anschluss an seine Simulationen in einer Masterarbeit am Lehrgebiet Kommunikationsnetze das Verhalten der modellierten limbischen Charaktere mit Zeitreihen analysiert und ausgewertet. Es hat sich gezeigt, dass sich die Spielstrategie und emotionalen Eigenschaften der einzelnen Teilnehmer auf die gesamte Spielsituation und den Erfolg der Spieler auswirken. „Am erfolgreichsten im Minoritätenspiel „El-Farol-Bar“ waren die, die nach einer dominanten, d.h. stark zufallsorientierten Strategie entschieden haben, ob sie die Bar besuchen oder nicht. Im Umkehrschluss belegen die Ergebnisse, dass sich vom Verhalten der Spieler Rückschlüsse auf ihren Charakter ziehen lassen.

Untersuchung mit Realdaten

Akinalp zeigt also, dass sich mit der Verwendung limbischer Charaktere in Simulationen Auskünfte über das mögliche Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern erstellen lassen. In der Praxis könnten diese Ergebnisse über den Marketingbereich hinaus interessant sein, z.B. für Warenanbieter in der Interaktion mit Kunden. Seine Ergebnisse sind aber nicht nur hilfreich, um Kauf- und Entscheidungsverhalten vorauszusagen. Auch mit Blick auf die Lagerplanung von Unternehmen, zur Lösung logistischer Probleme oder für die Netzwerkoptimierung sind sie höchst interessant. „Hier wird sich noch ein weites, ungeahntes Feld von Anwendungen erschließen“, ist er sich sicher.

In seiner Dissertation wollte Akinalp mit Hilfe eines Webspiels Daten der limbischen Charaktere von realen Testpersonen sammeln, um deren Spielverhalten zu betrachten. „Das hat nicht funktioniert, weil die Datenmenge, die mir am Ende zur Verfügung stand, nicht ausgereicht hat“, bedauert er. Den Feldversuch will er aber in weiter auszubauenden Forschungsarbeiten am Lehrgebiet Kommunikationsnetze bald in großem Umfang nachholen. Akinalp: „Mein Ziel ist, die Verbindung von Informatik und Psychologie weiter zu stärken. An der FernUni studiere ich jetzt parallel Psychologie, weil ich mein Wissen in diesem Bereich erweitern muss.“

 

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