Wenn der Experte irrt

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Januar 2014

Feuilleton – „Die digitale Kränkung des Menschen“ von Sascha Lobo

Lieber Sascha Lobo,

nun lese ich gerade in der F.A.S. vom 12. Januar 2014, dass Du das Internet als “digitale Kränkung des Menschen“ bezeichnest, dass Du zugeben musst, dass Du Dich bei der Einschätzung des Internets total geirrt hast.

Irren ist menschlich, das kann uns allen passieren. Ein Lob dafür, dass Du den Mut hast, es öffentlich zuzugeben.

Wir schreiben das Jahr 2014! Erinnerst Du Dich noch an jenen 25. April 2011? Damals hast Du in Rottweil einen Vortrag gehalten. Ich war die einzige Person, die Dir kritische Fragen zu den Ausspähmöglichkeiten gestellt hat. Wir hatten einen kleinen Schlagabtausch. Während Du das alles nicht so kritisch gesehen hast, hatte ich damals bereits erhebliche Zweifel, was den Datenschutz  und damit den Schutz unserer Persönlichkeitsrechte angeht.

Widmung von Sascha Lobo

Im Anschluss an Deinen Vortrag hatten wir eine kontroverse Diskussion. In Deinem Artikel schreibst du über „Pfosten“, die näher an der Realität waren als Du. Ich glaube zwar nicht, dass Du damit auch mich gemeint hast, obwohl ich viel näher an der Realität war als Du. Jedenfalls habe ich hier Dein Buch mit Deiner Widmung vorliegen, die da lautet: “Für die liebe und informierte Ria!”.

Schade, dass ich Dich damals nicht wirklich von den Gefahren überzeugen konnte. Damit will ich aber nicht ausdrücken, dass die Dinge anders gelaufen wären, wenn wir einer Meinung gewesen wären. Zwar hat Eli Pariser in seinem Buch “Filter Bubble” die Gefahren beschrieben, aber wie so oft im Leben, wenn man etwas ganz besonders liebt, mag man die Gefahren nicht wirklich sehen.

Zu dieser Einsicht bist Du inzwischen selbst gekommen.

Und zum damaligen Zeitpunkt waren die Ausspähmöglichkeiten letztendlich auch schon so weit fortgeschritten, dass wir die Entwicklung nicht hätten ernsthaft aufhalten können.

Bedauerlich finde ich, dass Edward Snowden in Russland festsitzt, und wir ihm nicht helfen können. Die Demokratie hat, meiner Meinung nach, hier kläglich versagt.

Ebenso bedauerlich finde ich, dass WhatsApp einen derartigen Erfolg hat, dass sogar das Handelsblatt die angeblichen Vorzüge beschreibt.

Was lernen wir daraus? Es ist scheinbar hoffnungslos, sich gegen das Ausspähen – egal ob nun von Staaten oder Unternehmen – aufzulehnen, so lange es Millionen von Menschen gibt, denen das völlig egal ist. Menschen, die Vorbilder sein sollten, wie z. B. Lehrer oder der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Dr. Ulrich Frank Montgomery argumentieren von banalen bis blöden Aussagen, weshalb sie WhatsApp wider besseren Wissens nutzen.

 Aber noch einmal zurück zur Überwachung. Bereits 2006 fand an der Universität Freiburg die „International Conference on Emerging Trends in Information and Communication Security“, kurz Etrics statt. Einer der Keynote Speaker war Prof. Andreas Pfitzmann von der TU Dresden, der inzwischen leider verstorben ist. Sein Thema: “Multilateral Security: Preventing 1984 by overcoming 2001”.

Programmauszug Etrics 2006

Prof. Pfitzmann, mit dem ich 2007 ein langes Interview geführt habe, hat schon damals deutlich gemacht, dass wir längst im Überwachungsstaat angekommen sind. Er selbst hat, nach seinen eigenen Angaben, weder Handy noch Kreditkarte benutzt.

Programmauszug Etrics 2006

Auf der Etrics Pressekonferenz habe ich damals die naive Frage gestellt, ob denn die jetzige Datensammelei und Überwachung Ähnlichkeit mit der Sammel- und Überwachungswut der DDR hat. Diese hat auch alles gesammelt, egal ob es einen Sinn ergab. Da haben mich gleich mehrere der anwesenden Fachleute überzeugend eines besseren belehrt.

Das Wissen um die Überwachung ist also nicht so neu, wie gerne behauptet wird. Wie so oft im Leben gilt auch hier: Man hätte sich informieren können, wenn man gewollt hätte. Dies gilt insbesondere für Politiker und Medien. Beide haben uns bei diesem wichtigen gesellschaftlichen Thema im Stich gelassen.

Hierzu passend die neueste Studie aus Allensbach:

WhatsApp auf dem Vormarsch

Nur noch gut jeder Zweite verschickt Kurznachrichten ausschließlich per SMS – bei den Unter-30-Jährigen liegt WhatsApp schon knapp vor klassischen SMS

Das Verschicken von Kurznachrichten ist – neben dem Telefonieren – die mit Abstand am häufigsten genutzte Funktion bei Handys und Smartphones. Während Kurznachrich- ten bislang gleichbedeutend mit SMS waren, deutet sich nun eine technologische Zäsur an. Einhergehend mit der Ausbreitung von internetfähigen Smartphones und Apps ge- winnen Instant-Messaging-Programme für den Nachrichtenaustausch an Bedeutung. In- zwischen versenden nur noch 54 Prozent der Mobiltelefonnutzer, die Kurznachrichten verschicken, ihre Mitteilungen ausschließlich per SMS. Bereits 22 Prozent nutzen dafür in der Regel WhatsApp, 20 Prozent kontextabhängig sowohl SMS als auch WhatsApp oder andere Nachrichtendienste (Schaubild 1).

In der jüngeren Generation hat WhatsApp die klassische SMS bereits knapp überholt. Von den 16- bis 29-jährigen Handy- und Smartphonebesitzern, die Kurznachrichten verschi- cken, tun dies 37 Prozent in der Regel über WhatsApp, 36 Prozent über SMS (Schaubild 2). In dieser Vorreiterrolle spiegelt sich neben der generell größeren Offenheit der jungen Generation für neue technische Entwicklungen auch die stärkere Verbreitung von inter- netfähigen und damit whatsapp-tauglichen Smartphones in dieser Zielgruppe wider.

TECHNISCHE DATEN FÜR DIE REDAKTION

Anzahl der Befragten: Repräsentanz:

Zeitraum der Befragung: Archiv-Nummer der Umfrage:

1.587 Personen ab 16 Jahre

Gesamtdeutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre

Dezember 2013 11018

Beide Schaubilder: © IfD-Allensbach

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