Wie gut wissen die Deutschen über Wetterrisiken Bescheid?

Repräsentative Umfrage zur Wetter- und Klimakompetenz in Deutschland

Viele Deutsche haben Schwierigkeiten, Wetterrisiken – zum Beispiel durch Bodenfrost, Hitze oder UV-Strahlung – richtig einzuschätzen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, die in der Fachzeitschrift Weather, Climate, and Society veröffentlicht wurde. Das Forschungsteam spricht sich deshalb für neue Risikovorhersagen aus, die nicht nur angeben, wie das Wetter wird, sondern auch, was es anrichten kann.

n der Sorge um das Corona-Virus sollten wir eines nicht vergessen: Es gibt eine Krise, die langfristig eine noch größere Bedrohung darstellt: der Klimawandel. Im Zuge des Klimawandels nehmen auch extreme Wetterereignisse weltweit zu. Solche Wetterbedingungen erfordern nicht nur effektive Schutzmaßnahmen von Behörden, sondern auch von jedem Einzelnen. Nur wer Wetterrisiken richtig beurteilen kann, kann sich auch angemessen schützen. Doch wie gut weiß die Bevölkerung über Wetterrisiken Bescheid? Wie gut verstehen wir die Unsicherheit von Wettervorhersagen? Und wie bewusst sind wir uns des Klimawandels in Deutschland, der Wetterrisiken in Zukunft noch weiter verschärfen wird?

Dazu befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Hans-Ertel-Zentrums für Wetterforschung 1.004 Deutsche im Alter zwischen 14 und 93 Jahren. Diese beantworteten 62 Faktenfragen rund um das Wetter – wie Hitze, UV-Strahlung, Stürme, Gewitter, Starkregen und Bodenfrost – und dessen Auswirkungen, Fragen zum Verständnis der Unsicherheit von Vorhersagen sowie zum bisherigen Klimawandel in Deutschland.

Fehleinschätzungen, wie Wetterdaten und Gefahren zusammenhängen

Die Befragten hatten dabei in einigen Bereichen Schwierigkeiten, Wetterrisiken richtig einzuschätzen. So glaubten zum Beispiel 44 Prozent der Befragten, dass Bodenfrost, und damit Glätte auf Straßen und Gehwegen, erst bei einer Lufttemperatur von 0 Grad Celsius oder darunter möglich ist – eine Fehleinschätzung, die im Straßenverkehr gefährlich werden kann. Die Tücke hierbei ist, dass die Temperatur kurz über dem Boden unter null fallen kann, auch wenn die in Wettervorhersagen angegebene Lufttemperatur über null liegt, da diese üblicherweise in zwei Metern Höhe gemessen wird.

Weiter glaubten 66 Prozent der Befragten fälschlicherweise, dass höhere Temperaturen mit höherer UV-Strahlung einhergehen. Dabei ist die UV-Strahlung um die Mittagszeit am höchsten, während die Temperaturen im Tagesverlauf tendenziell noch weiter ansteigen. Auch bei einem drohenden Gewitter würden sich viele womöglich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen: Lediglich ein Fünftel der Befragten konnte korrekt angeben, dass bei 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner ein Gewitter etwa zehn Kilometer entfernt ist. Mehr als ein Viertel der Befragten dachte, es sei etwa 30 Kilometer entfernt – und unterschätzte damit deutlich die tatsächliche Nähe des Gewitters.

Rätsel Regenwahrscheinlichkeit

Gleichzeitig herrschte Unklarheit darüber, wie Wahrscheinlichkeitsvorhersagen gemeint sind. Nur ein Fünftel der Befragten wusste, dass eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent für Berlin bedeutet, dass es an 30 Prozent aller Tage mit dieser Vorhersage in Berlin regnen wird. Viele Befragte nahmen fälschlicherweise an, dass es in 30 Prozent des Gebiets oder während 30 Prozent des Tages regnen wird. Diese Unklarheit haben allerdings, so die Forschenden, in erster Linie die Kommunikation zu verantworten. Es liegt in der Pflicht der Wetterdienste, transparent zu machen, worauf sich die Wahrscheinlichkeiten beziehen.

In Bezug auf den Klimawandel in Deutschland wussten 70 Prozent der Befragten aber sehr wohl, dass die Durchschnittstemperatur in Deutschland seit 1880 nachweisbar gestiegen ist. Gleichzeitig glaubten 80 Prozent, dass die Sturmintensität zugenommen hat. Für Deutschland können in diesem Fall allerdings keine langfristigen Veränderungen belegt werden. „Hier wird die Wahrnehmung des Klimawandels vermutlich durch kürzliche Extremereignisse und die Medienberichterstattung beeinflusst“, sagt Erstautorin Nadine Fleischhut, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und eine der Verantwortlichen des Projekts „WEXICOM“ am Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung zur Kommunikation von Wetterwarnungen. Koautor Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, ergänzt: „Ohne die Wetterrisiken im Hier und Jetzt hinreichend zu verstehen, ist es unwahrscheinlich, dass Menschen die Konsequenzen des Klimawandels  in der Zukunft angemessen verstehen und in Betracht ziehen können. Der tägliche Wetterbericht könnte auch die Chance für eine Kompetenzoffensive sein, in der wir alle jeden Tag einen Tick smarter im Umgang mit Wetter, Klima und Unsicherheit werden.“

Bessere Kommunikation nötig

Das Forschungsteam der Studie empfiehlt, die Risiken von extremen Wetterereignissen noch besser zu kommunizieren. So könnte man sich bei Vorhersagen nicht nur auf das Wetterereignis selbst konzentrieren, sondern auch auf die damit verbundenen zu erwartenden Auswirkungen benennen: zum Beispiel Staus oder die erwarteten Kosten durch Schäden an Gebäuden. Gleichzeitig müsste transparenter berichtet werden, wie sicher die Vorhersagen überhaupt sind. „Die Kommunikation solcher Vorhersagen muss sorgfältig gestaltet und getestet werden, um unerwünschte Effekte wie Überreaktionen oder Verharmlosung der Risiken zu vermeiden“, sagt Koautor Stefan Herzog, Leiter des Forschungsschwerpunktes „Stärkung von Entscheidungskompetenzen“ („Boosting“) im Forschungsbereich Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Hier seien Fachleute aus Meteorologie, Psychologie und Journalismus gefragt, um Kommunikationsformate gemeinsam zu entwickeln.

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